Hundesprache richtig deuten

Martin Rütter Tipps: Signale des Hundes richtig deuten

Wenn der Hund mit dem Schwanz wedelt, freut er sich! Stimmt das wirklich? Nur wer die Körpersprache des Hundes richtig interpretiert, kann Missverständnisse zwischen Hund und Halter vermeiden. Martin Rütter DOGS Coach Marc Lindhorst erklärt, wie Sie Fehler bei der Kommunikation mit Ihrem Hund vermeiden.
 
Körpersprache des Hundes © istockphoto.com / Olezzo
Bei zweien, die sich verstehen, klappt das Zusammenleben reibungslos.
Unter den meisten Hundehaltern hat sich zum Glück herumgesprochen, dass Rutewedeln nicht immer ein Ausdruck von hundlicher Freude sein muss. Vielmehr signalisiert der Vierbeiner damit generell seine Erregung, die auch beispielsweise aggressiv bedingt sein kann. Nur wer die Bedeutung der hündischen Signale im jeweiligen Kontext kennt, kann angemessen auf die Bedürfnisse seines Vierbeiners reagieren und ihm deutlich machen: „Ich verstehe dich!“ Dieses Verstehen ist die Basis für eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Hund.


Kommunikation zwischen Mensch und Hund: 5 Ursachen für Missverständnisse

Kommunikation klappt nur da perfekt, wo beide Kommunikationspartner mit einem bestimmten Signal genau den gleichen Informationsgehalt verknüpfen. Ein Beispiel:
Frau Weber übt im Garten mit ihrem 13 Wochen alten Welpen Loui das Signal „Sitz“. Sie stellt sich vor ihren Hund und sagt: „Loui, sitz!“. Reagiert Loui nicht wie gewünscht, sondern bleibt stehen, kann dies unterschiedliche Gründe haben:
  • Hund hat das Signal nicht wahrgenommen: Vielleicht hat er das Signal nicht wahrgenommen, da Frau Weber das Wort „Sitz“ so leise gesagt hat, dass er es einfach nicht hören konnte.

  • Hund kennt die Bedeutung des Signals nicht: Es könnte aber auch sein, dass Loui die Bedeutung des Signals noch gar nicht gelernt hat und es daher noch gar nicht beherrscht.

  • Hund ist überfordert: Oder aber die Ablenkung im Training ist für Loui noch zu groß, sodass er das Signal noch nicht zuverlässig in unterschiedlichen Kontexten ausführen kann.

  • Hund ist körperlich beeinträchtigst: Vielleicht kann sich Loui auch einfach deshalb nicht hinsetzen, da es ihm Schmerzen bereitet.

  • Körpersprache des Halters passt nicht zum Signal: Legt sich Loui auf das Signal „Sitz“ hin, kann es auch sein, dass die Körpersprache von Frau Weber die Ursache für dieses Kommunikationsmissverständnis ist. Eventuell empfindet Loui die vornübergebeugte Haltung seines Frauchens als bedrohlich und er möchte ihr durch das Hinlegen signalisieren: „Bitte beende dein Drohverhalten, ich möchte keinen Streit mit dir.“


Deuten Sie die Signale des Hundes richtig!

Um zu erkennen, was die Ursache für das Nicht-Reagieren ihres Hundes ist, muss Frau Weber Loui aufmerksam beobachten und die nun folgenden Signale erkennen:
  • Zeigt er beschwichtigendes Verhalten, weil er sich bedroht fühlt?
  • Sendet er Stresssignale aufgrund von Schmerzen oder Überforderung?
  • Hat er das akustische Signal nicht bemerkt hat?
Kommt es zu einem Kommunikationsmissverständnis, dann ist der Sender, also Frau Weber, dafür zuständig, dass der Empfänger, Loui, sie richtig versteht – nicht umgekehrt.
 

 „Wir Menschen sollten viel genauer hinschauen und uns mehr auf die Sprache der Hunde einlassen, als ständig zu erwarten, dass sie uns verstehen.“  (Martin Rütter)  



Frau Weber muss daher also, nachdem sie Loui beobachtet und dessen Signale erkannt hat, entsprechend darauf reagieren, indem sie z. B.
  • ihre eigene Körpersprache verändert und sich aufrichtet,
  • Loui tierärztlich untersuchen und behandeln lässt,
  • das Training des Signals einfacher gestaltet, indem sie z. B. anstatt im Garten im Haus trainiert,
  • oder aber das Signal einfach noch einmal lauter ausspricht.
 

Hund beobachten und Körpersprache richtig deuten

Hunde verständigen sich untereinander und uns gegenüber nicht mit Worten, sondern nutzen ihren Körper zur Kommunikation. Wie der andere Hund steht, wie er die Rute hält, wohin das Gewicht verlagert wird, wie lange der Blickkontakt ist oder wie sich der andere Hund von A nach B bewegt, all diese Signale geben dem Hund einen Eindruck vom Gegenüber. Daher ist es für das Zusammenleben von Mensch und Hund sehr wichtig, sich mit der Körpersprache und Kommunikation von Hunden zu beschäftigen.

 

So kommunizieren Hunde

Zur Kommunikation steht Hunden ein fein differenziertes Kommunikationssystem zur Verfügung. Hunde kommunizieren über:
  • optische Signale (Körperhaltung, Bewegungen),
  • Berührungen (taktile Signale),
  • Gerüche (olfaktorische Signale),
  • und Laute (akustische Signale), wenn Gestik und Mimik nicht ausreichen.
Anhand eines Beispiels wollen wir uns einmal anschauen, wie Hunde sich untereinander und uns gegenüber verständlich machen.
 
Optisches Signal: Körperhaltung
Frau Dose ist mit ihrer vierjährigen Hovawart-Hündin Cora unterwegs. Nachdem Cora von der Leine befreit wurde, läuft sie mit hoch getragener Rute und stolz geschwellter Brust zielstrebig zu jedem Baum und Gebüsch und schnuppert dort sehr intensiv. Durch ihre imponierende Körperhaltung zeigt Cora, wie sie sich wahrnimmt bzw. wie ihr Umfeld sie anscheinend sieht. Cora ist offensichtlich kein unsicherer oder ängstlicher Hund. Durch jede Faser ihres Körpers strahlt Cora Selbstbewusstsein aus, sie möchte durch ihre aufrechte Körperhaltung von ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen werden und sich in ihrem Selbstempfinden bestätigt wissen.
 
Olfaktorisches Signal: Markieren
Findet Cora die Markierstelle eines anderen Hundes, dann hebt sie eines ihrer Hinterbeine, hockt sich über diese Stelle und hinterlässt dort selbst etwas Urin. Danach scharrt sie ausgiebig. Neben dem Einsatz von visuellen Signalen, wie z. B. der Körperhaltung, läuft ein Großteil der hundlichen Kommunikation über den Geruchssinn. Dass Coras Verhalten nicht dem bloßen Entleeren ihrer Blase dient, ist am Scharren erkennbar, denn dieses ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Cora sowohl ihren eigenen Status demonstrieren möchte als auch ihren territorialen Anspruch verdeutlicht.
 
Optisches Signal: Bewegung
Da erscheint auch schon der Übeltäter, der sich erdreistet hat, in Coras Revier Duftmarken zu setzen – Willy, ein sechsjähriger Deutsch-Kurzhaar-Rüde. Dieser ist mit seinem Herrchen, Herrn Rabe, unterwegs. Da Cora den Spazierweg als ihr Territorium betrachtet, empfindet sie die ungehemmte Bewegung Willys als Provokation. Mit geradem Rücken, hoch getragener Rute, nach vorne gerichteten Ohren und leicht federndem Gang läuft Cora einige Schritte auf Willy zu, als wollte sie ihm sagen: „Siehst du nicht, dass du dich auf meinem Grund und Boden befindest? Verschwinde hier!“
 
Optisches Signal: Beschwichtigung
Willy bleibt stehen, senkt seinen Kopf ein wenig ab und vermeidet den direkten Blickkontakt. Durch seine submissive Körperhaltung demonstriert Willy eindeutig, dass er nicht auf Streit aus ist. Solche Demutsgesten sind kein Zeichen von Furcht, vielmehr sollen dadurch bedrohliche oder angespannte Situationen entschärft werden.
 

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Optisches Signal: Drohhaltung
Willys Dilemma: Herrchen folgen oder dem Gegner ausweichen? Herr Rabe ist derweil weitergegangen. Doch Willy bewegt sich keinen Meter, denn Coras Körperhaltung hat sich schlagartig verändert. Sie spannt jeden Muskel in ihrem Körper an, wirkt steifer. Ihre Rute richtet sie noch mehr auf, sie verlagert ihr Gewicht auf die Vorderpfoten, senkt den Kopf leicht, sodass Kopf und Rücken eine Linie bilden. Coras Nackenhaare sind gesträubt, sie bekommt eine sogenannte Bürste. Ihre Maulwinkel sind kurz und rund, ihre Ohrwurzeln nach vorne gerichtet – und sie verharrt in dieser Position. All diese Signale zeigen, dass Cora eine offensive Drohhaltung eingenommen hat, sie möchte ihrem Gegenüber vermitteln: „Es ist jetzt wirklich an der Zeit, dass du verschwindest! Ich meine das ernst!“
 
Fehler: Halter erkennt die Signale nicht
Herr Rabe sieht in Willys Verhalten ein Zeichen von Ungehorsam. Mit harschem Ton brüllt er: „Willy, komm sofort hierher!“ Willy befindet sich nun in einem Dilemma. Einerseits teilt ihm Cora unmissverständlich mit, sich nicht weiter zu nähern, andererseits bekommt er Ärger mit seinem Herrchen, wenn er nicht umgehend zu diesem läuft, doch dazu müsste er an Cora vorbeilaufen. Willys Stresspegel steigt deutlich, er fängt an zu gähnen und hechelt.
 
Es ist Aufgabe der Halter, die Signale zu erkennen und die Situation zu lösen
Würden die beiden Halter erkennen, was dort aus Hundesicht passiert, könnten sie diese Situation problemlos klären: Entweder ruft Frau Dose ihre Hündin zu sich und leint diese an oder Herr Rabe geht zu seinem Hund, stellt sich vor diesen und bittet Frau Dose, mit ihrer Hündin vorbeizugehen. Doch leider sieht man im Park immer wieder, dass viele Menschen die Signale ihrer Hunde nicht erkennen bzw. nicht verstehen.
 
Fehler: Halter sendet falsche Signale zurück
Und so besteht auch Herr Rabe darauf, dass Willy kommt. Als dieser sich in Richtung seines Herrchens, und damit auch in Richtung Cora, bewegt, attackiert diese Willy. Frau Dose rennt sofort laut schimpfend in Richtung Cora. Beide Hunde werden von ihren Menschen eingesammelt und angeleint. Da Willy auf Coras Attacke hin weiter beschwichtigendes Verhalten gezeigt hat, sind beide Hunde zum Glück nicht verletzt. Cora erlebt das Schimpfen von Frauchen als Bestätigung, sie fühlt sich in ihrem Recht auf territoriale Verteidigung bestärkt und wird zukünftig weiterhin andere Hunde aus ihrem Revier vertreiben. Willy dagegen hat gelernt, Cora zukünftig bereits von Weitem aus dem Weg zu gehen. Viel schlimmer aber ist, dass er auch gelernt hat, dass er sich auf Herrchen nicht verlassen kann. Dieser erkennt bedrohliche Situationen nicht, verlangt vielmehr gerade dann Unmögliches. Das Vertrauensverhältnis von Willy und Herrn Rabe ist empfindlich gestört!

 

Regeln der Kommunikation zwischen Hund und Halter

Wenn Hunde miteinander kommunizieren, geht es darum, dem Gegenüber konkrete Handlungsabsichten und die zu Grunde liegenden Motivationen dahinter mitzuteilen. Hunde sind sehr soziale Lebewesen und Kommunikation dient bei ihnen dazu, das soziale Miteinander zu regeln, also Kooperation zu fördern und Konflikte zu vermeiden. über ihr Ausdrucksverhalten machen Hunde deutlich, wie sie sich im Verhältnis zu einem anderen Gruppenmitglied sehen, welches Interesse sie an bestimmten Ressourcen haben und in welchem Gefühlszustand sie sind. Bei Begegnungen mit anderen Hunden müssen wir
diese Signale richtig interpretieren.


Hundesprache richtig verstehen ist Voraussetzung für eine gute Mensch-Hund-Beziehung

Kommunikation ist der Motor für eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Hund, denn nur wer den anderen versteht, kann sich auch ihm gegenüber verständlich machen. Schärfen Sie also Ihren Blick für hündisches Verhalten und lassen Sie sich auf die Sprache Ihres Hundes ein, dann werden Sätze wie „Das geschah ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel!“ oder „Warum macht er das nur?“ bald der Vergangenheit angehören.
 
Über den Autor:
Als einer der ersten DOGS Coachs steht Marc Lindhorst seit zwölf Jahren den Hundehaltern im Raum Kiel und Lübeck mit Rat und Tat zur Seite. Nähere Infos unter martinruetter.com/kiel und martinruetter.com/luebeck
   
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