Workshop 27.08.2017

Hunde in Bewegung sehen - auch in der Praxis

Prof Dr. Martin Fischer erzählt und zeigt uns in diesem Tagesseminar sehr anschaulich, locker und verständlich, was bei der Bewegung eines Hundes so alles passiert.

Der Vortrag wird die wichtigsten Grundlagen der Fortbewegung von Hunden darlegen. Durch eine einzigartige Bildsprache und Hochgeschwindigkeitsvideos, Hochgeschwindigkeits-Röntgenfilme und vor allem 3D-Animationen wird die Tür zu einem neuen Verständnis der Bewegung unserer Hunde geöffnet.

Mit wirklich außergewöhnlichen Aufnahmen wird vieles in diesem Bereich verständlicher und klarer. Wie schon im letzten Jahr wird er zu dem sich 8 Hunde "in der Bewegung anschauen und, gemeinsam mit den Teilnehmern heraus arbeiten, was es "da zu sehen" gibt.

Wölfe sind in besonderer Weise ausdauernde Läufer, sei es um das riesige Revier zu markieren, sei es um zu große Beute tot zu laufen. Wie viel Wolf steckt nun in den Hunden?

Die Domestikation des Wolfes hat zu einer erstaunlichen Vielfalt an Hunderassen in Größe, Gewicht, Körperbau und allgemeinem Aussehen geführt. Die Gründe für die größte Vielfalt unter allen Haustieren liegen in der den Wölfen innewohnenden Variabilität und in den Folgen von Jahrtausende alter künstlicher Selektion. Dabei wurde auch gezielt auf Veränderungen des Bewegungsapparates gezüchtet.

Mit der weltweit bisher größten Studie zur Fortbewegung von Hunden sind wir der Frage nachgegangen, wie sich die Zuchtwahl auf das Gangwerk der verschiedenen Hunderassen auswirkte, vor allem wenn man bedenkt das beispielsweise ein vierzig-facher Unterschied im Gewicht zwischen Chihuahua oder Teckel und Dogge besteht. Oder bewegen sich die Hunde ungeachtet der Rasse doch weitgehend gleich fort?

Im Mittelpunkt der ersten Jenaer Studien zur Fortbewegung von Hunden stand also die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Fortbewegung verschiedener Hunderassen. Dazu wurden Ganganalysen von 327 Hun­den durchgeführt. Hervorzuheben ist, dass sich neben der Deutschen Forschungsge­meinschaft (DFG), Rassezuchtverbände und die “Gesellschaft für kynologische Forschung“ (GKF) in beträchtlichem Umfang finanziell beteiligten. Der Verband für das deutsche Hunde­wesen (VDH) hat die Studie ebenfalls unterstützt und das Buch „Hunde in Bewegung“ (Fischer & Lilje 2011) ermöglicht.

Für die Aufzeichnung der Fortbewegung wurden drei verschiedene Techniken verwendet: hochfrequente Videographie, markerbasierte Bewegungsanalyse (Qualisysâ) und hochfre­quente biplanare Röntgenvideographie.

Seit 2014 führen wir die „Heel-Studie zur Gelenkdynamik“ durch. Erstmals werden mit aufwändiger Technik die dreidimensionalen Bewegungsabläufe der Gliedmaßen im Schritt und Trab gemessen und die sogenannte inverse Dynamik berechnet. Letztere erlaubt die Leistung in einem Gelenk zu erkennen und die berechnete Arbeit von Muskeln mit elektromyographischen Daten abzugleichen. Erstmals wird auch die dreidimensionale Kinematik bei fünf verschiedenen Hunderassen untersucht. Erste Ergebnisse werden vorgestellt und bisher unerkannte Bewegungen im Knie- oder Schultergelenk zeigen, wie sich der Körperbau auf die Gliedmaßenbewegung auswirkt.

2015 erschien das Buch „Lahmheitsuntersuchung beim Hund“ von Daniel Koch und Martin S. Fischer. Im Vortrag werden Erkenntnisse aus dieser Zusammenarbeit des bekannten Schweizer Tierarztes mit einem Funktionsmorphologen präsentiert.

Wichtige Ergebnisse

1.) Unsere Studie belegt die weitgehende Übereinstimmung in der Fortbewegung von 32 Hunderassen und selbst von Doggen oder Teckeln in der parasagittalen Beinführung. Das bedeutet, dass von der Seite gesehen alle untersuchten Hunde ein weitgehend gleiches Bewegungsmuster zeigen. Die Unterschiede zwischen zehn Hunden einer Rasse sind fast immer größer sind als die Mittelwerte zwischen den Rassen.

2.) Fortbewegung wird nicht zu jedem Zeitpunkt durch Muskelarbeit generiert. In Abhän­gigkeit von der Gangart wird auf unterschiedliche Weise Energie aus schwerkraftinduzierter Bewegung des Körperschwerpunktes zurückgewonnen. Um solche ver­tikalen Bewegungen des Körperschwerpunktes kontrolliert nutzen zu können, müssen die Beine im Gleichklang schwingen, also mit denselben Schrittlängen und Schrittfrequenzen ar­beiten. Dies ist nur in den symmetrischen Gangarten (Schritt, Pass und Trab) gegeben. Die Energiesparmechanismen funktionieren am effizientesten bei zyklischer Fortbewegung. Ma­növer wie Beschleunigung, Bremsen oder auch Richtungswechsel und Springen sind nur durch zusätzliche Muskelarbeit möglich.

3.) Die Mechanismen der Fortbewegung des Hundes sind also ganz wesentlich darauf ausgerichtet, den Energieverbrauch zu minimieren und dabei die Schwerkraft zum Energie­sparen „intelligent“ zu nutzen. Eine gleichmäßige, zyklische Fortbewegung bedarf keiner aufwendigen Steuerung und großer Leistungen des Gehirns sondern intelligenter Mechanik. Diese kann Störungen beispielsweise durch unebenes Terrain ausgleichen. Die Fachliteratur hat hierfür den Begriff „No-Brainer“ eingeführt (Daley, 2008).

4.) Die „Arbeit“ bei der Fortbewegung ist zwischen Vorder- und Hintergliedmaßen ungleich verteilt. Beim Schritt und Trab überwiegen vorne sogar die abbremsenden Kräfte. Bei der gleichmäßigen, zyklischen Fortbewegung kommt der Vortrieb überwiegend aus den Hinter­gliedmaßen und hier hauptsächlich aus dem Hüftgelenk. Der Drehpunkt der Vordergliedma­ßen liegt auf gleicher Höhe wie das Hüftgelenk im oberen Drittel des Schulterblattes. Um diesen, nur durch Muskelkraft geführten und wandernden Drehpunkt werden das Schulter­blatt und damit die gesamte Vordergliedmaße um 35° bis 40° gedreht. Damit findet in allen Gangarten die Bewegung der Gliedmaßen in einem hochgelegenen Drehpunkt statt, um bei geringst möglicher Auslenkung die größtmögliche Strecke zu erzeugen.

5.) Das Schulterblatt und der Unterarm beziehungsweise der Oberschenkel und der Hin­terfuß werden weitestgehend gleichsinnig und parallel geführt werden, technisch kann man hier von einer Zwangskopplung sprechen. Zweigelenkige Muskeln (M. triceps brachii und Mm. gastrocnemii) modulieren schwerkraftinduzierte Bewegungen. Das Aktivitätsmuster die­ser Gliedmaßenmuskeln unterscheidet sich in Schritt und Trab kaum und ist selbst im Galopp nur geringfügig verändert.

6.) Bei der Fortbewegung werden nur Teile der Gelenkoberfläche belastet und das Schonen von Gelenken ist bei gesunden Hunden verkehrt. Hunde brauchen vor allem vielfältige Bewegungen wie Kurvenlaufen oder Stop-and-Go-Situationen. Beim Beschleunigen werden auch andere Muskeln aktiviert. Die Beweglichkeit in den Gelenken dient nicht zuletzt allen Bewegungen, die nicht im Dienst der Fortbewegung stehen, wie Putzbewegungen oder Spielen. Diese Bewegungen sind nicht nur für die Gelenke sondern für das Wohlbefinden eines Hundes essentiell.

7.) Elastische Energie wird nicht nur in Sehnen sondern in Faszien gespeichert. Die Topographie der Faszien von Hunden ist erstaunlicher Weise unbekannt. Eine laufende Doktorarbeit untersucht die Topographie und Histologie der Faszien beim Hund. Während des Workshops wir erstmals eine Demonstration der Faszien beim Hund durchgeführt.

Veranstaltungsort:
ershäuser Str.
 
Drommershäuser Str.11, 35781 Weilburg-Hirschhausen
Beginn:
09:00
Ansprechpartner:
Katharina Queisser
Anmerkungen: 

Die Fortbildung wird als Nachweis anerkannt von: TÄK NS + SH

Wenn Sie mehr als einen Hund mit bringen, sprechen Sie sich bitte mit mir ab.