Wie viel Bewegung braucht ein Welpe

Bei Welpen will natürlich jeder alles „richtig“ machen. Doch es ist gar nicht so einfach, dabei das richtige Maß zu finden. Und so werden die Youngsters leider häufig unter- und sehr oft überfordert. Ewelina  Zmyslowska hat dazu mit der Tierärztin und Stress-Expertin Gabrielle Scheidegger-Brunner ein Interview geführt.
 
Gabrielle Scheidegger-Brunner: Wie beim menschlichen Baby und Kleinkind ist dies sehr individuell. Beim Hund spielt natürlich die Rasse eine große Rolle. Bei schnell- und großwüchsigen Rassen wie Deutscher Schäferhund oder Deutsche Dogge muss man noch mehr aufpassen als bei kleinen Hunden. Zwergrassen sind vom Knochenapparat her viel früher reif.
In den ersten Wochen sind mehrere Sequenzen am sinnvollsten. Nicht die Gesamtdauer ist das Wichtigste, sondern wie viel am Stück belastet wird. Der Auslauf sollte langsam gesteigert werden, beginnend mit zehn Minuten am Stück, dafür ca. sechs bis acht Mal täglich. Erst mit sechs Monaten sollte man ab und zu alle paar Tage einmal eine Stunde spazieren gehen. Auf eine Einheit Belastung sollte mindestens das Drei- bis Vierfache an Ruhe kommen. Das heißt: Eine Stunde Action bedeutet drei bis vier Stunden Ruhe. Dies ist aber nur über den Daumen gepeilt, beobachten Sie Ihren Hund. Er wird signalisieren: Ich bin wieder fit und munter!Die körperliche Belastung soll minimal gehalten werden. Ich empfehle nur ganz kurze Konzentrationsübungen und mehrere Koordinationsübungen. So kann man z.B. Agility-Hindernisstangen auf den Boden legen und den Hund darüberlaufen, aber keinesfalls -springen lassen. Wanderungen empfehle ich erst ab einem Jahr. Dann natürlich anfangs leichte Touren mit vielen Pausen, die man über die Monate langsam steigern kann. Zunächst auf keinen Fall mehr als Halbtagestouren ohne extreme Steigungen. Und grundsätzlich gilt: Bergauf ist besser als bergab. Natürlich sollten solche Touren auch nicht täglich gemacht werden, sondern Ruhetage eingelegt werden.
Beobachtet man seinen Welpen genau, ist ein Hundesachverständiger dabei, lässt sich schnell beurteilen, wie lange der Hund freudig und konzentriert mitmacht. Aber weniger ist meist mehr! Und: Die Welpen sollen erst mal gut geprägt und sozialisiert werden. Meiner Meinung nach ist eine gut geführte Welpenspielstunde wichtiger!Zum einen kommt es darauf an, was der Züchter bereits gemacht hat. Zum anderen ist auch hier die Dauer entscheidend. Zehn oder 15 Minuten sind kein Problem, aber alles, was über eine halbe Stunde geht, ist sicher zu viel. Mental würde dies den Welpen völlig überreizen. Wenn es denn sein muss, dann unbedingt eine geeignete Welpentasche besorgen, worin der Hund sich zurückziehen und ausruhen kann.


Temperament und Belastbarkeit variieren deutlich mit der Rasse, also muss jeder Fall einzeln beurteilt werden. Besonders vorsichtig muss man bei schnell- und großwüchsigen Hunden sein, da diese schnell Gelenkschäden entwickeln. Die Muskeln und Bänder sind zu schwach, und so müssen die noch unreifen Knochen und Gelenke die Hauptbelastung tragen. Dies führt schnell zu Schäden und Entwicklungsstörungen. Verhaltenstechnisch gesehen kann ein Spiel von übermüde-
ten Welpen schnell ausarten und in Aggression kippen. Die Hunde lernen nichts Positives mehr zur Sozialisierung, sondern lernen nur noch Negatives.
Es gibt natürlich auch Rassen, die vor lauter Temperament nie merken würden, dass sie genug belastet sind, z.B. viele Terrier-Arten, Malinois und Border Collie & Co. Diese Hunde muss man dann zur Ruhepause zwingen. Das Naturell eines Hundes ist so ausgelegt, dass er mit dem Rudel mithalten möchte. Das Verlangen nach Ruhe würde ihm als Schwäche ausgelegt. Schwache Rudelmitglieder stellen eine Gefahr für die Gemeinschaft dar. Die Stressreaktion ist eine Reihe von Nerven- und Hormonreaktionen auf einen sogenannten „Stressor“ (Auslöser). Sie ermöglicht es dem Individuum, im richtigen Moment bereit zu sein. Der Körper bereitet sich auf Flucht oder Kampf vor, das heißt, die Muskelspannung steigt, die Atem- und Herzfrequenz steigt, der Hund ist „bereit“, sich gegen die Überforderung zu wehren oder zu fliehen. Stress ist allerdings nicht gleich Stress. Man unterscheidet zwischen leistungsförderndem positivem Eustress und dem blockierenden negativen Distress. Ob Stress schädliche Folgen hat, hängt von der Dosis und Dauer ab.Die meisten überforderten Welpen ziehen sich übermäßig zurück, versuchen Ruhe zu finden. Häufig verknüpfen sie die Überforderung mit dem Menschen, das heißt, sie ziehen sich auch von ihren Bezugspersonen zurück. Andere Welpen, häufig solche von stressanfälligen Rassen mit dünnem Nervenkostüm, werden gerne aggressiv, da sie sich nicht anders zu helfen wissen.Wenn ich merke, dass ich ihn überfordert habe, ist dies schon mal gut. Ich werde es nicht mehr wiederholen, und Einzelfälle sind auch nicht tragisch für einen normalen, gesunden und bisher gut entwickelten Hund. In diesem Einzelfall werde ich ihm genug Rückzugsmöglichkeit gönnen. Ich renne nicht nervös hin und her und spreche mit ihm über diese missglückte Stressituation, biete ihm unzählige Kauknochen oder Spielsachen an vor lauter schlechtem Gewissen, denn dies würde es verschlimmern. Lassen Sie ihn sich zurückzuziehen, er wird signalisieren, wenn er wieder zu Unternehmungen bereit ist!
 
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