Wenn das Wild lockt

Ein Spaziergang im Wald ist für Hund und Halter oft alles andere als ein Vergnügen. Aber es geht auch für beide ganz entspannt. Hundetrainerin Inga Böhm hat sich auf das Antijagd-Training für (Jagd-)Hunde spezialisiert.
 
Gerade mal eineinhalb Kilo wiegt Chihuahua Castello, aber wenn er eine Katze, ein Huhn oder einen Hasen sieht, packt ihn das Jagdfieber heftiger als manchen „Großen“. Statt gemeinsam Spaß zu haben, wird für seinen Besitzer der Spaziergang zum Spießrutenlauf. Um das Zusammenleben mit Castello entspannter zu gestalten, suchte er wie viele andere Halter Hilfe bei Inga Böhm, die sich mit ihrer Hundeschule „Waldtraining“ auf vierbeinige Jäger spezialisiert hat. „Das Jagen ist eine der stärksten und für uns Menschen eine der unerwünschten Verhaltensweisen unserer Familienbegleithunde. Für den Hund jedoch gehört es zum natürlichen und angeborenen Instinktverhalten und ist eine primäre Motivation. Das heißt, die Handlung an sich ist schon die Belohnung“, erklärt die Hundetrainerin.
Besonders intensiv wird der Trieb, der jedem Hund mehr oder weniger ausgeprägt angeboren ist, zwischen dem siebten und neunten Monat. Jedes Geräusch, jede Bewegung, jeder Geruch weckt das Interesse des Junghundes, treibt ihn an, die Umwelt zu erkunden. Selbst bis dato „brave“ Hunde können in den inneren Zwiespalt geraten, ob sie dem Instinkt nachgeben oder dem Halter folgen sollen.
Viele Hundebesitzer übersehen dann den Zeitpunkt, wo die natürliche Neugierde in ein Triebverhalten umkippt, das nicht mehr steuerbar ist. „Wenn ich ihn in der Welpen- und Junghundphase dann noch durch Beutespiele mit der Reiz-angel, durch Ballspiel oder Stöckchenwerfen hochpushe, fällt er noch leichter ins Jagdverhalten hinein. Was anfangs noch ein kleines Teelicht war, wird irgendwann ein richtiges Lagerfeuer und, wenn ich nicht aufpasse, ein richtiger Waldbrand. Ein kleines Feuer kann ich noch gut kontrollieren, aber einen Waldbrand nicht mehr“, führt die Expertin aus. Besonders ausgeprägt ist das Jagdverhalten bei Rassen, die speziell für die Jagd gezüchtet werden. Weil es sich um Instinktverhalten handelt, kann der Besitzer seinem Hund das Jagen auch nicht abgewöhnen, aber mit dem richtigen Training kann er lernen, ihn davon abzuhalten. Dazu sollte er wissen, welche Anlagen der Hund mitbringt und wie er jagt. Windhunde jagen auf Sicht und hetzen das Wild. Lauf- und Schweißhunde wie Bracken und Beagle orientieren sich am Wildgeruch und gehen auf Spur. Vorsteh- und Stöberhunde wie Setter, Weimaraner, Münsterländer ziehen große Kreise und entfernen sich weit vom Besitzer. Dackel und Terrier untersuchen gerne Erdlöcher.  
Außerdem sollte der Halter lernen, die Körpersprache seines Hundes so gut zu lesen, dass er den Hund nicht erst dann abruft, wenn dieser schon hinter dem Wild herhetzt, sondern bereits, wenn er in Vorstehhaltung vor einem Busch steht oder einen interessanten Duft aufnimmt. Ein großer Fehler ist auch, zu viel und zu laut mit ihm zu kommunizieren. Hunde hören je nach Alter und Rasse vier- bis zwanzigmal besser als der Mensch. Außerdem kommunizieren sie ohnehin zum größten Teil über Körpersprache, Blickkontakt und Mimik. Meist reicht daher ein kleines Handzeichen, ein Schritt rückwärts, ein kurzer Blick oder ein Kopfnicken, damit er das tut, was Sie von ihm erwarten.
Auch seinen eigenen Handlungen und Intentionen sollte der Besitzer mehr Aufmerksamkeit schenken. „Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht allein in einer ausgefeilten Technik, sondern auch in einem bewussten Wahrnehmen der eigenen Handlungen. Man muss einem Hund auch mit der inneren Haltung Anweisung geben. Wenn ein Teil von uns das nicht will, wird der Hund das Kommando auch nicht richtig ausführen“, erklärt die 33-Jährige und fügt dann schmunzelnd hinzu: „Die meisten Menschen gehen in ihren Köpfen mehr jagen als ihr Hund. Wenn ich ihn in Gedanken aber immer wegschicke und überzeugt davon bin, dass er gleich jagen geht, kann er gar nicht entspannt mit mir spazieren gehen und wird auf und davon sein, sobald sich die Gelegenheit bietet.“ Um sich aufs jeweilige Mensch-Hund-Team ganz einstellen zu können, arbeitet die Expertin am liebsten im Einzeltraining. Während sie gemeinsam durch die Natur gehen, lernt der Besitzer, auf seinen frei laufenden Hund zu achten und dessen Körpersprache zu deuten, aber auch, an der eigenen Körperhaltung, der Kommandogebung und der inneren Einstellung zu arbeiten. Statt auf Hilfsmittel wie Halti oder Gentle Leader zurückzugreifen, wird zwischendurch mal eine kleine Aufmerksamkeitsübung an der Leine eingebaut oder das Abrufen spontan geübt, wenn der Hund im Mauseloch buddelt. Ziel der Hundetrainerin ist es, dem Halter so viel beizubringen, dass er seinen Hund selbst erziehen und trainieren kann und kaum noch Kommandos braucht, um ihn zu kontrollieren.
„Wenn Sie spazieren gehen und der Hund hält immer wieder Blickkontakt oder kommt zu Ihnen zurück, ohne dass er wie ein Jojo wirkt, brauchen Sie ihn nicht ständig anzusprechen“, erklärt sie. „Und wenn er buddelt und sieht, dass Sie weitergehen, und mitkommt, brauchen Sie kein ‚Bei Fuß‘. Beobachten Sie einfach, welche Verhaltensweisen Ihr Hund von sich aus vorgibt. Belohnen Sie ihn für jedes Verhalten, das Ihnen zeigt, dass er sich an Ihnen orientiert, mit freundlicher Stimme, dann wird er das Verhalten von sich aus immer häufiger anbieten.“
Um Jagdverhalten zu kanalisieren, werden auch gemeinsame Aktivitäten geübt wie Nasen- und Sucharbeit. So lernt der Hund bei der Verlorensuche, einen nach Herrchen oder Frauchen riechenden Gegenstand zu finden und zurückzubringen. Oder bei der Geruchs-identifikation, den Schlüssel seines Besitzers aus einem Haufen anderer Gegenstände herauszusuchen. Bleibt der Besitzer „dran“ und baut das im Training Gelernte in den Alltag ein, wird er nicht nur einen ausgelasteten, sondern auch glücklichen Vierbeiner an der Seite haben, dem es immer leichter fällt, sein Jagdverhalten nicht mehr ausleben zu müssen.

© Saskia Brixner
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