Stark ohne Gewalt

So lautet das Motto eines von der EU geförderten Präventionsprojektes für Jugendliche. 22 Schüler der Realschule Misburg in Hannover setzten sich in einem innovativen Beitrag mit dem Konfliktmanagement von Hunden auseinander und damit, was wir Menschen dabei von ihnen lernen können.
 
Aggressionsforscher beobachten die Gewalt unter Jugendlichen mit Besorgnis. Um Schülern alternative Wege zur Konfliktlösung zu vermitteln, beteiligte sich die Realschule Misburg in Hannover an dem EU-Präventionsprojekt „Stark ohne Gewalt“.
Kernstück war das Musical „Streetlight“ der italienischen Band GenRosso. Weil aber nicht alle Jugendlichen tanzen und singen wollten, kam ihre Lehrerin Gabriele Tostberg als langjährige Hundehalterin auf die Idee, das Thema „Gewalt“ von ganz anderer Seite anzugehen. Da Hunde gute Strategien haben, Konflikte aggressionsfrei zu lösen, besuchte sie mit fünf Mädchen und 17 Jungs der neunten und zehnten Klasse die Hundeschule von Dr. Sandra Bruns in Hannover-Misburg. Zusammen mit den Schülern untersuchte die Tierärztin zwei Tage lang Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mensch und Hund im Umgang mit Gewalt. Manche Jugendliche hatten selbst einen Hund, die anderen keine Hunde-Erfahrung.
Da Kommunikation für ein gewaltfreies Miteinander wesentliche Voraussetzung ist, wurden anhand von Videos und Fotos Körpersignale genauer beobachtet, die Hunde untereinander bzw. gegenüber dem Menschen einsetzen. Dr. Sandra Bruns erklärte, dass Hunde unterschiedlich auf eine Bedrohung reagieren. 1. Sie entfernen sich aus der Situation und flüchten. 2. Sie versuchen, den anderen durch Beschwichtigungsverhalten zur Einstellung der Aggression zu bringen. 3. Sie ignorieren den anderen. 4. Sie greifen ihn an.
Teilweise war das Erstaunen groß, als sie berichtete, dass gerade starke und sozial kompetente Hunde Beschwichtigungssignale einsetzen, um „Stänkerern“ keine Angriffsflächen zu bieten. Vielfach nicht bekannt war auch, dass die meisten Hunde nur im äußersten Notfall angreifen und dass es sich dabei um Rituale handelt, bei denen es nicht darum geht, den anderen zu verletzen, sondern durch das eigene Auftreten Stärke zu demonstrieren.
„Da ganz klar ersichtlich war, dass sich die Hunde, die besonders selbstsicher auftreten, auch am wenigsten vom Verhalten anderer provozieren lassen, kamen wir darauf, wie wichtig es ist, am eigenen Selbstbewusstsein zu arbeiten, damit man sich in Konfliktsituationen nicht so schnell bedroht fühlt“, berichtet Dr. Bruns.
Anhand von Videos und praktischen Übungen mit einem verhaltensauffälligen Hund wurde über Verhaltenstherapie gesprochen. Die Expertin betonte, wie wichtig es ist, sofort auf Problemverhalten zu reagieren und aggressivem Verhalten nicht selbst mit Gewalt zu begegnen, da man so eine Gewaltspirale in Gang setze. Stattdessen solle man versuchen, dem Hund auf positive Weise Grenzen zu setzen und andere Verhaltensweisen zu vermitteln. Dabei wurde die Parallele gezogen, dass es nichts bringe, straffällig gewordene Jugendliche wegzusperren, sondern dass Integrierungsversuche durch Erziehungscamps etc. größeren Erfolg versprächen.
Anhand von typischen Konfliktsituationen, in die Jugendliche kommen können, wurden Lösungsstrategien erarbeitet. „Wir kamen darauf, dass man sehr schnell auf einen falschen Weg gerät und in gewisser Weise selbst zum Straftäter wird, wenn man mit Rache reagiert“, berichtet die Verhaltensexpertin. Als sehr sinnvoll und keineswegs als Zeichen von Schwäche wurden jedoch die Alternativen gesehen, gewissen Unruhestiftern besser aus dem Weg zu gehen oder bestimmte Orte einfach zu meiden. Anhand der Unterschiedlichkeit des Verhaltens verschiedener Hunderassen wurde noch ein Vergleich zu ethnischen Gruppen in einer Gesellschaft gezogen. Dabei wurde das Fazit gezogen, dass man sich mit dem Anderssein der einzelnen Kulturen auseinandersetzen solle, anstatt in eine Gruppendistanzierung abzurutschen.
Die Ergebnisse der Projekttage wurden von den Jugendlichen schließlich als Präsentation zusammengestellt und den Mitschülern in der Pausenhalle vorgestellt. Ein Projekt, von dem wir finden, dass es auch an anderen Schulen Schule machen sollte.

© Saskia Brixner
 
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