Das Haus als Mittelpunkt

Allüberall in der Hundeszene spricht man neuerdings von "Hausstandsregeln". Und das ist - zunächst einmal - gut so: Besagt doch dieses seltsam-altertümliche Wort, dass es sonst nur noch in der Steuergesetzgebung gibt, vorweg ganz klar: Unser Hund ist kein Streuner, der nur zum Fressen und Schlafen kommt. Er hat auch keine Zweitwohnung draußen wie die Zwinger- und Hofhunde, die unser Haus nur ab und zu betreten.
 
Unsere Wohnung ist „der Mittelpunkt seiner Lebensinteressen“, „der Ort mit den engsten sozialen Bindungen“. Und er ist, allein durch sein Dabei-Sein, „an der Haushaltsführung nicht unwesentlich beteiligt“.

Und hier beginnt dann mitunter ein neues Problem: Ein Hund, der nach Altväter-Sitte draußen lebt, der sieht seinen Hof, seinen Auslauf als sein Revier an, als den Mittelpunkt seiner Lebensinteressen. Und wenn er das Haus betritt, dann betritt er es als Gast und benimmt sich. Ein Hund aber, der im Haus wohnt, für den ist die Wohnung „mein Revier“. In diesem Revier sucht er sich die ihm passendsten, schönsten Plätze aus und besetzt und verteidigt die, mitunter sogar gegen den Haushaltsvorstand:

Dann muss sich der Hausherr seinen Lieblingssessel täglich neu erobern. Dann kann die Hausfrau nur noch unter Sturzgefahr zwischen Kühlschrank und Herd hin- und herpendeln. Dann dürfen die Haus-Kinder nicht mehr mit auf dem Sofa kuscheln: Da kuschelt schon der Haus-Hund. Und dann kann keiner mehr ruhig schlafen, weil „Herr Hund“ sich diese Unruhe und Drängelei in seinem Bett verbittet ...Deshalb soll der moderne Haus-Hund nun die modernen Hausstandsregeln lernen: In bestimmte Räume darf er nicht. Alle erhöhten Plätze sind für ihn tabu. Die gehören uns. Und alle strategisch wichtigen Plätze auch.

Wenn wir kommen, muss er aufstehen und uns Platz machen. Er muss uns immer und überall den Vortritt lassen. Und die Wohnung verlassen darf er nur, wenn wir das wollen: Wir sind doch nicht sein Türöffner, der immer und ewig aufspringt, wenn „Herr Hund einfach nur mal sehen will, was draußen wohl los ist“.

Nein, handgreiflich, grob werden wir deshalb nicht. Wir setzen das einfach durch. Wir ignorieren seine Proteste, seine Wünsche. Wir weisen ihm seinen festen Platz im Haus und im Rudel zu, genauso wie der Rudelchef, „der Alpha“ im Hunderudel, das auch macht.
Aber ... geht „der Hunde-Alpha“ mit seinen Untergeordneten wirklich so um?

Wer längere Zeit ein einigermaßen natürlich lebendes Rudel beobachten konnte, der sieht: Es gibt im Hunderudel nicht einen, sondern meist zwei „Alphas“, Mutter und Vater. Und wenn es nur einen gibt, dann ist das meist „die Alpha“, die Mutter. Plätze spielen dort allerdings wirklich eine wichtige Rolle, und sie werden auch – durchaus grob und handgreiflich – gegen andere verteidigt: Wenn „Alpha“ ruhen will, dann will sie ruhen und nicht gestört werden. Und das macht sie jedem, der ihr zu nahe kommt, sofort und mit gekrauster Nase deutlich. Hat sie aber ihren Platz verlassen und andere haben den ganz fix besetzt, dann verlangt sie bei ihrer Rückkehr nicht: „Weg da!“ Dann guckt sie nur, guckt noch mal, und wenn sich immer noch niemand rührt, dann legt sie sich – falls der Platz es erlaubt – mit dazu. Oder aber sie dreht ab ... und geht zu einem anderen Lieblingsplatz ... und die eben noch so stolzen Besetzer haben das Nachsehen ...

Im Hunderudel hat jeder mehrere Lieblingsplätze, passend zu Tageszeit, Wetter und Stimmung. Und wer wissen will, wer denn in seinem Haus-Rudel der oder die Alpha ist, der muss nur gucken, wo und wie seine Hunde nachts schlafen: Der, dessen Nase der Nase des Menschen am nächsten ist, das ist der Chef im Hunderudel.

Sich gegenseitig durch Querliegen den Weg blockieren, das ist im Rudel allerdings ein beliebter Volkssport, mit dem man andere „wunderbar“ ärgern kann ... Dort hat nämlich schon jeder Welpe gelernt: „Weck keine schlafenden Hunde! Das gibt Ärger.“
Über die Füße, die Schnauze eines Liegenden hinwegschreiten, das dürfen und das trauen sich nur ganz, ganz souveräne, zuverlässige Alte. Weshalb dieses Über-den-ruhenden-Hund-Schreiten eigentlich auch eine wunderbare, vertrauensbildende Unterordnungsübung im Haus ist.

„Vorfahrt“ aber hat im Hunderudel immer der, der als Erster da ist. Die Jungen dürfen durchaus vorausstürzen, Fremde oder Beute stellen. Aber los geht es erst, wenn „die Alten“ da sind und die Lage gecheckt haben.In seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird im Hunderudel niemand. Da kann jeder den lieben langen Tag allein, zu zweit, zu dritt umherstreunen, wie er möchte. Doch sobald einer Alarm schlägt, sind alle wieder da. Und wenn unser Hund nicht hört, dann muss das nicht daran liegen, dass er uns gegenüber nun zum Alpha mutiert, dann kann es auch sein, dass wir viel zu häufig ganz unnötige Tabus setzen, dass wir deshalb viel zu häufig und unnötig Alarm schlagen ...

Lassen wir dem Laufjäger Hund doch seine sowieso schon viel zu begrenzte Bewegungsfreiheit. Warum soll er nicht im Fernsehsessel liegen, wenn wir in der Küche hantieren? Warum darf er nicht in die Küche, wenn wir fernsehen? Warum muss er aufstehen, wenn wir auch so an ihm vorbeikommen? Und warum darf er, wenn ein Garten da ist, den nicht – zum Mal-Gucken – benutzen?

Unser Hund ist doch nicht unser Untermieter, mit dem wir ab und zu ein paar nette Worte wechseln, ehe er sich wieder in seinen eigenen Hausstand, in sein Körbchen zurückzieht. Unser Hund gehört zu unserem Hausstand, wie unser Partner, unsere Kinder. Mit denen streiten wir ja auch nicht täglich neu, da hat jeder – von Anfang an – seine Plätze, sein Bett, und wenn es mal ein Durcheinander gibt, reicht ein kurzes „Ab da“. Wenn ich aber wintersüber 30 mal am Tag die Tür zum Garten auf und zu mache, dann ist das doch kein Beinbruch. Ich bewege mich, ich brauche keinen Fitness-Trainer extra. Im Sommer steht die Tür sowieso von morgens bis abends offen ...
 
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren