Wie viel Warten verträgt ein Hund? | PARTNER HUND Magazin

Wie viel Warten verträgt ein Hund?

Kein Hund bleibt gern allein. Doch ihn immer und überall hin mitzunehmen ist unmöglich. Deshalb gehört das disziplinierte Alleinbleiben zur Grunderziehung. Wie lange diese Wartezeit allerdings höchstens sein darf, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
 
 
© Thomas Brodmann / animals-digital.de
Wie viel Einsamkeit ist für den Hund zumutbar?

Einsamkeit macht Hunde krank

Wer vom Hunderudel verlassen wird, ist entweder zu schwach bzw. zu krank, um den Seinen zu folgen, und wird sterben. Oder er ist „einer zu viel“, endet als einsamer „Wolf“ oder schließt sich einem anderen Rudel an. Einen gesunden, in sein Rudel integrierten Hund lassen die Seinen niemals im Stich. Alleinbleiben ist nicht vorgesehen in der Struktur des Sozialverbandes.

Trennung löst eine Ur-Angst aus

Die Ur-Angst vor dem Zurückgelassen-Werden, vor der Trennung von den Seinen, steckt in jedem Hund. Entsprechend hartnäckig versucht er, immer und überall den Anschluss zu halten. Das ist keine Wesensstörung, sondern ganz natürliches Verhalten. Für den Welpen bedeutet die Trennung von Mutter und Geschwistern den sicheren Tod (wenn nicht ein Mensch eingreift). Das noch blinde, nicht voll bewegungsfähige Baby registriert die Kälte außerhalb oder im verlassenen Nest, schreit sofort und versucht, in Richtung Wärme (Körper von Mutter oder Geschwistern) zu robben. Das ist ebenfalls ein ganz natürliches Überlebensverhalten. Und weil im Zuge der Haustierwerdung alle Hunde einen Rest Babywesen behalten, manche sogar ewige Kinder bleiben, geraten sie nicht selten in Panik oder Hysterie, wenn ihr Kontaktgeschrei keine Wirkung zeigt. Wirklich hundegerecht wäre es also, wenn wir unsere Vierbeiner tatsächlich als ständige Begleiter immer und überall um uns hätten. Oder ihnen von Anfang an eine Aufgabe zuwiesen, die selbstständiges Handeln bedingt, sie quasi zu „einsamen Wölfen“ wandeln würden. Jahrhundertelang war das „Menschen-möglich“. Heute gibt es bei uns mehr Klein- als Großfamilien, mehr Arbeitsplätze außerhalb als innerhalb des Zuhauses, mehr Familien- als Arbeitshunde. Und das Rudeltier Hund, als soziales Wesen immer bereit, sich anzupassen und umzustellen, hat es in weniger als einem Jahrhundert geschafft, sich mit diesen veränderten (menschlichen) Lebensbedingungen auseinanderzusetzen und sich in die von uns Menschen gewünschten Richtungen zu entwickeln. Nur eines schlucken sie nicht so ohne Weiteres: das Alleinbleiben.

Jeder hat ein Geheimrezept

 Kein Wunder, dass in jedem Hundebuch dem Alleinbleiben ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Nicht erstaunlich, dass Hundetrainer mit den unterschiedlichsten Tipps aufwarten, um ihre Schüler ans Warten auf die Rückkehr der Menschen zu gewöhnen. Logisch nur, dass Angebot und Nachfrage zu Tiersitter, Tagesmutter oder Tierpension sich explosionsartig vermehren. Trauriger schon, dass Hundepsychologen und Tiermediziner eine ganze Palette von gravierenden Verhaltensstörungen und Krankheiten der Vereinsamung des betroffenen Hundes zuschreiben. Und dass es inzwischen sogar Medikamente gibt, die den Depressionen entgegenwirken.

Wie viel Einsamkeit ist zumutbar?

Wie lange also kann, darf, soll der Hundefreund seinen vierbeinigen Partner allein lassen? Eine Stunde, vier Stunden, acht Stunden? Wie lange ist das Warten zumutbar, ab wann wird es zur Qual? Dazu gibt es viele Meinungen. Einige sind sich alle Experten, dass der junge Hund schon aus rein körperlichen Gründen maximal zwei Stunden einsamen Stubenarrest verträgt. Einhellige Meinung auch darüber, dass die ersten Wochen im neuen Zuhause möglichst ohne stundenlange Trennungen erfolgen sollten. Beim erwachsenen Hund aber gehen die Meinungen stark auseinander. Vier Stunden in der vertrauten Umgebung verschläft ein sonst gut ausgelasteter Hund prima, meinen die einen. Acht Stunden im Zwinger oder Garten, den er bewachen soll, sind kein Problem, wenn der Hund im Gegenzug die 16 übrigen Stunden vollen Menschenkontakt hat, finden andere. Zwei Hunde beschäftigen sich miteinander und überstehen ohne Frust auch sechs Stunden, ist eine weitere Meinung.

Die Zahl der überforderten Hunde wächst

Und doch wächst die Zahl der Hunde, die nicht einmal zwei Stunden stressfrei warten können, die herzzerreißend bis zur totalen Erschöpfung jaulen und jammern. Die ihre Menschen in einer zerlegten Wohnung empfangen oder – schlimmer noch – sich selbst wundlecken, ihre Pfoten beknabbern, die eigene Rute jagen ... Alles Erziehungssache? Oder Rassedisposition? Oder Unterforderung im Alltag? Gründliche Untersuchungen gibt es dazu nicht.
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