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Hilfe, mein Hund wird angegriffen

„Der tut nix!“ und „Die machen das schon unter sich aus!“ – wer hat das nicht schon beim Gassigehen von entgegenkommenden Spaziergängern mit wohlmöglich noch frei laufendem Hund gehört. Aber ist das wirklich so? Und was, wenn das vermeintliche „Unter-sich-Ausmachen“ eskaliert? Wie schütze ich meinem Hund vor einem aggressiven Angreifer? Wir haben bei der Hundetrainerin und Verhaltensexpertin Perdita Lübbe-Scheuermann nachgefragt
 
Hund wird beim Spazieren angegriffen © animals-digital.de
Wie können Konflikte zwischen Hunden vermieden werden?
Hundebegegnungen beim Spaziergang – für Franziska Peters eine absolute Horrorvorstellung, seitdem ihr Dackel-Mix Freddy vor wenigen Wochen an der Leine von einem frei laufenden Hund attackiert wurde. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert, der fremde Hund ließ schnell von Freddy ab, und die beiden kamen mit dem Schrecken davon. Doch seitdem hat Franziska immer ein mulmiges Gefühl, wenn sie beim Gassi gehen einem anderen Spaziergänger mit Hund begegnet. „Ich merke dann schon, wie ich mich richtig verkrampfe und die Leine fester packe. Manche Wege gehe ich schon gar nicht mehr, weil da die Chance, auf einen anderen Hund zu treff en, recht groß ist“, erzählt Franziska. Für Hundetrainerin Perdita Lübbe-Scheuermann spielen viele Faktoren eine Rolle, wenn das Zusammentreff en zweier Hunde außer Kontrolle gerät. „Das Wichtigste ist zunächst, dass der Mensch solche Begegnungen regelt und nicht der Hund . Das bedeutet aber auch, mein Hund muss mir vertrauen, dass ich das auch kann. Und da liegt bei vielen Mensch-Hund- Teams das Problem, dass die Beziehung grundsätzlich nicht geklärt ist.“ 


Die richtige Körpersprache

Das bedeutet in so einem Fall wie dem von Franziska und Freddy: Wenn der eigene Hund angeleint ist und ein fremder Hund auf ihn zustürmt, muss der Besitzer die Initiative ergreifen und zwar, bevor die Hunde auf einandertreffen. „Ich nehme meinen Hund hinter mich und schicke den anderen Hund körpersprachlich weg. Das bedeutet, ich gehe einen Schritt auf ihn zu, mache mich groß und mache eine abwehrende Handbewegung. So schirme ich meinen Hund ab. Das funktioniert aber nur, wenn der Mensch auch die richtige Ausstrahlung hat, das heißt, ruhig und souverän, keine Hektik und kein Geschrei. Das überträgt sich sonst auf beide Hunde und heizt die Situation noch auf“, erklärt die Coaching- Expertin. Doch nicht jeder kann allein durch seine körperliche Präsenz einen fremden Hund in die Schranken weisen. Gelingt es nicht, den Angreifer vom eigenen Hund fernzuhalten, rät die erfahrene Trainerin, die Leine des eigenen Hundes fallen zu lassen und ihm so mehr Freiraum zu geben, vorausgesetzt, man ist sich sicher, dass er nicht Richtung Straße läuft.


Selbstschutz geht vor

Davon, zwischen die beiden Streithähne zu gehen und sie festzuhalten oder selbst zu versuchen, sie zu trennen, hält Lübbe-Scheuermann in der Regel wenig. „Da geht der Selbstschutz eindeutig vor. Es ist ganz schnell passiert, dass sogar der eigene Hund im Eifer des Gefechts um sich beißt und quasi aus Versehen Herrchen oder Frauchen erwischt. So was kann schnell eskalieren. Manche meinen auch, durch Werfen von Futter die Kontrahenten ablenken zu können. Das funktioniert aber meistens nicht. Denn wenn der Angreifer aus dem Beutefang kommt, interessiert ihn das Futter in dem Moment nicht“, so Lübbe-Scheuermann. Besser wäre der Tipp von Verhaltensforscher Günther Bloch. Dieser rät, zur Sicherheit einen Taschenschirm mit sich zu führen und diesen zwischen den beiden Hunden aufklappen zu lassen. So unterbricht man den Blickkontakt, schirmt den eigenen Hund ab und hat eher die Möglichkeit, beide mithilfe des hoffentlich dann eingetroffenen Besitzers des zweiten Hundes zu trennen. Situationen wie diese könnten vermieden werden, wenn Besitzer von frei laufenden Hunden ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen und ihren Hund schon im Vorfeld zu sich rufen würden. Eigentlich ein ganz normales Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme unter Hundehaltern. Doch leider klappt die reibungslose Kommunikation der Menschen manchmal ebenso wenig wie die Kommunikation der Hunde. Grundsätzlich sollte ein Kontakt von sich fremden Hunden erst erfolgen, wenn sich die Hundehalter darüber verständigt haben und sich einig sind. Denn wer weiß, ob der unbekannte Hund nicht etwa krank ist oder andere Probleme hat, die sich auf die Entfernung nicht abschätzen lassen. Das bedeutet, wenn ein anderer Hund in Sicht kommt, den eigenen frei laufenden Vierbeiner zu sich zu rufen. Er hat bis zur Auflösung des Signals zuverlässig bei Frauchen oder Herrchen zu bleiben. Im Idealfall handelt der zweite Besitzer ebenso, und die beiden Hunde können auch an einander vorbeilaufen, ohne direkten Kontakt zu haben. So weit die Theorie.


Gehorsam und Vertrauen

In der Praxis sieht es leider meistens anders aus. Oft klappt es mit dem Gehorsam nicht so, wie der Besitzer es sich gedacht hat. Ein Hund bricht aus dem Kommando aus und nähert sich eigenständig. Oder der andere Halter hat zu spät oder gar nicht reagiert, der Rückruf funktioniert nicht und der unbekannte Hund ist schon auf halbem Weg. Jetzt heißt es, seine Körpersignale richtig zu deuten. Wirkt er bedrohlich oder gar aggressiv oder ist er nur neugierig und fordert zum Spiel auf? „Haben Sie einen positiven Eindruck und Ihr eigener Hund ist verträglich, dann entlassen Sie ihn aus dem Kommando und erlauben den Kontakt“, so Perdita Lübbe-Scheuermann. „Wenn Sie allerdings den Eindruck haben, dass der Fremde nicht eindeutig freundlich gesinnt ist, sollten Sie auch in diesem Fall versuchen, ihn körpersprachlich von sich weg zu dirigieren. Den eigenen Beim Spaziergang an der kurzen Leine sollten Hunde, die sich nicht kennen, lieber Abstand halten Hund schicken Sie hinter sich. Wenn das Vertrauensverhältnis stimmt, wird er hinter Ihnen bleiben und Ihnen die Klärung der Situation überlassen.“


Ruhig und gelassen bleiben

Hat die Abwehrhaltung des Menschen nicht die gewünschte Wirkung erzielt und der eigene Hund wird angegriffen, dann ist das oberste Gebot: Ruhe bewahren und gelassen bleiben! „Wenn es wirklich ernst ist, versuchen Sie, Ihre Jacke über die beiden Streithähne zu werfen. Das irritiert die Hunde, sorgt für Verwirrung und könnte sie dazu bringen von einander abzulassen.“ Ein Patentrezept für solche Begegnungen gibt es nicht, zu viele individuelle Faktoren spielen eine Rolle. Oft ist es auch der eigene Vierbeiner, der den sich nähernden Hund ankläfft und so das Ganze zum Eskalieren bringt. „Dann ist es besser, ihn anzuleinen und ihn zügig und souverän durch die Situation zu führen“, empfiehlt die Verhaltensexpertin. Begegnungen zweier angeleinter Hunde sind tabu, auch wenn sie wirken, als würden sie einander noch so gerne beschnüffeln wollen. Da kann die Stimmung schnell umschlagen. „Ich laufe auch nicht durch die Stadt und begrüße jeden, der mir entgegenkommt. Das muss nicht sein. Die Hunde kommunizieren schon im Vorfeld durch Blickkontakt und sind dabei nicht immer freundlich. Als Mensch am anderen Ende der Leine steht man dann tatenlos daneben. Das fördert nicht gerade das Vertrauen.“


Hundekontakte sind wichtig

Das bedeutet aber nicht, dass Hundehalter aus Angst versuchen sollten, jeden Hundekontakt zu vermeiden. Im Gegenteil! Je mehr Erfahrung Mensch und Hund mit den Signalen haben, die andere Hunde aussenden, umso gelassener und souveräner können sie bei potenziell gefährlichen Hundebegegnungen handeln. Und manche dieser Situationen entstehen erst gar nicht. Nur ein gut sozialisierter Hund weiß, wie er sich in Gesellschaft von Artgenossen zu benehmen hat. Und auch der Halter sollte die Körpersprache richtig deuten können. Das lernt man am besten in den Sozial- und „Spielstunden“ einer guten Hundeschule. Ein Rat, den auch Franziska Peters mit ihrem Freddy jetzt beherzigen will, damit die Spaziergänge wieder zu Spaß und nicht zu Stress werden.

Text: Heike Reinhardt 


 
Fotos: 
animals-digital.de
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